Politik als Show ist Politik, keine Ökonomie

12. Februar 2017

Politik als Show ist Politik, keine Ökonomie

Tja, was soll man sagen: Im allgemeinen News-Stream wird einem immer wieder wie selbstverständlich untergejubelt, wie wichtig Politik für Ökonomie sei. Im Studium der Soziologie, Politologie und Volkswirtschaftslehre lernte ich schon vor über 20 Jahren über funktionale Differenzierung in modernen Gesellschaften. Oft hörte ich den Hinweis, dass Politik für Ökonomie nicht unwichtig ist, aber eben auch nicht allzu entscheidend.

Klar: Der Staat erhebt Steuern, erlässt Gesetze und Verordnungen und heute darf man befürchten, dass sich Politiker vermehrt an irgendwelchen Ideen von vor über 200 Jahren orientieren (Nationalökonomie oder sogar Merkantilismus, erprobt im Frankreich des 16. bis 18. Jahrhundert und schon dort historisch nur kurz erfolgreich).

Dass Satiriker um Vertrauen für die amerikanischen Geheimdienste werben, die dem neuen amerikanischen Präsidenten einen Fake-Knopf bauen sollen, hat ein erkennbares Muster: Alternative Fakten erfordern alternative Geheimdienst-Praktiken für alternative Knöpfe. So der satirische Schluss. Solche Satire zeigt politische Sorgen an: Was mag noch kommen, wenn Populisten verstärkt das Steuer übernehmen, und dies weltweit, hüben wie drüben?

Uns zu erklären, wie Populisten erfolgreich an die Macht streben, ist nicht sonderlich schwierig. Auf einer tieferen Ebene gibt es zwei bereits vielfach thematisierte Gründe: Auf der einen Seite gibt es gefühlt stärkere Abstiegssorgen. Diese Sorge spiegelt in einigen Ländern wie etwa in Deutschland eher die Realität wieder, dass es seit vielen Jahren per Saldo mit den Masseneinkommen nach Inflation nicht nach oben geht. Auf der anderen Seite finden wir ein politisches Establishment, dass an seiner wundesten Stelle attackiert wird: Wir erhalten wenig substanzielle Aussagen. Die Direktheit journalistischer Fragen scheint bisweilen proportional zum ausweichenden Jargon politischer Verantwortungsträger. Die Flüchtlingskrise hat dieses Unbehagen der Bevölkerung sicherlich vielerorts verschärft. Gleiches gilt für andere Themen. Das Unbehagen ist aber schon länger vorhanden.

Leider ist die gefühlte Realität so, dass wir viele Politiker haben, die virtuell von einer Seite ihren Parteivorsitzenden, von der anderen die politische Konkurrenz, von hinten die Lobbyisten, von schräg hinten die Wähler ihres Wahlkreises und ihre Parteibasis und von schräg vorne ihre Parteikollegen hören, während sie einen Satz formulieren. Entweder klingt es dann klug und diplomatisch oder rhetorisch. Wir sollten wieder mehr Kafka lesen, der diese Realitäten einer ins Leere laufenden Kommunikation im Angesicht von modern zerfaserten Zuständigkeitssystemen schon vor Langem beschrieb.

Im Effekt haben wir uns also in der Ökonomie und bei unseren Investmententscheidungen mit einer neuen politischen Realität auseinander zu setzen: Populisten, nun auch an den Hebeln der Macht. Ok. Viele meiner Investment-Kollegen haben diverse Veranstaltungen von Chefvolkswirten und Politikern nach der Amtseinführung von Trump förmlich überlaufen. Wir waren nicht dabei. Wir haben uns weiter primär mit Ökonomie befasst und zwar genau so wie vor der Amtseinführung von Herrn Trump. Fast Business as usual.

Ein Protektionismus Amerikas würde uns treffen – aber Amerika auch. Und wegen dieser Reziprozität der Effekte ökonomischer Maßnahmen passieren heute auch keine ökonomischen Dramen. Nochmal: Politik hat einen Einfluss auf Ökonomie, aber einen geringen, solange wir nicht über Krieg sprechen oder über gewältige Umwälzungen in den Rahmenbedingungen für unser Wirtschaften. Trump hat noch nichts getan oder ausgesprochen, was dazu führen würde.
Europa ist da viel unwägbarer: Was passiert denn mit den Billionen von Euro-Schulden, wenn Frankreich und / oder Italien aus dem Euro-Raum hinausgehen? Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht genau. Das könnte ziemlich ungemütlich werden.

Was ist also jetzt die Konsequenz? Die Deutschen werden weiter ihr Geld auf Banken horten und, sofern sie Eigentümer sind, in Immobilien investieren. Wir sind ein schizophrenes Volk: Einer der erfolgreichsten Export- und Wirtschaftsnationen. Alle wollen etwas vom Kuchen abhaben – über Einkommen. Zugleich sind wir eine sehr schwach am Produktivvermögen beteiligte Nation – wobei doch Teilhabe ein ur-linkes, ur-sozialdemokratisches, ur-liberales und ur-konservatives Thema ist. Eine wunderbare Mega-Koalition könnte sich abzeichnen. Nur: Es wird so schnell nichts passieren. Deutschland versteht Investments in der Masse nicht. Insofern werden die Deutschen en gros – mal wieder –die für sie persönlich ungünstige Konsequenz ziehen und ihre Liquidität dorthin legen, wo ein vermeintlich großer Bruder ihnen eine Sicherheit vormacht, die es nicht gibt: Banken und Staaten.

Sicherheit liegt ganz überwiegend darin, dass Unternehmen auch unter geänderten Rahmenbedingungen erfolgreich wirtschaften werden, auch dann, wenn eine Eurozone ausfranzt, eine EZB in großem Stil Schulden abschreiben müsste, wenn weitere Staaten zahlungsunfähig werden und selbst dann noch, wenn ein Binnenmarkt zurückgedreht würde, der Unternehmen erlaubt, einheitlich für die ganze EU zu produzieren. Eine selbstgenutzte Immobilie bietet einen unmittelbaren Gebrauchswert. Auch das kann ein Stück Sicherheit bedeuten, sofern Darlehen weiter bedient werden können. Wer aber heute sein flüssiges Geld überwiegend in Staats-Anleihen investieren oder auf Banken horten will, kann das tun. Klug ist es nicht. Man sollte direkter in Unternehmen investieren, ggf. zusätzlich, soweit betriebswirtschaftlich sinnvoll, in Immobilien. Zugleich sollte man dann aber bitte auch die damit verbundenen Schwankungen akzeptieren, auch in den Immobilienpreisen. Die übliche Hysterie bei schwankenden Märkten hilft niemandem, am wenigsten dem Anleger.

Also: Bühne frei, Vorhang auf, politics and show must go on, but don’t forget: Let’s talk about economy as economy. Let’s go on and don’t worry too much.

Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen und Gedanken.

RheinRuhr, 12.02.2012 – mit Blick in weite Wolkenlandschaften
Dr. Marcel Malmendier

Bild-Quelle: Journalists doing media interview with businessman or politician von Microgen

Von | 2017-06-22T15:16:31+00:00 12. Februar 2017|Allgemein|