Marktbericht nachhaltige Geldanlagen: Vorstellung der FNG-Studie am 01.06.2017 in Berlin

Einmal jährlich präsentiert das Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG) Daten zur Entwicklung nachhaltiger Investments in der Region Schweiz, Österreich, Deutschland (DACH). Die aktuelle Studie für das Jahr 2016 wurde am 01. Juni in Berlin vorgestellt. Im Zentrum stand die Entwicklung des Marktes nachhaltiger Geldanlagen, der Zusammenhang von Nachhaltigkeit und Menschenrechten und die Perspektive des von der Bundesregierung eingesetzten Nachhaltigkeitsrates.

Als Keynote-Speakerin berichtete Marlehn Thieme, Vorsitzende des von der Bundesregierung berufenen Rates für Nachhaltige Entwicklung, über den Stand der Überlegungen. Dem Finanzmarkt misst der Rat eine strategische Bedeutung bei. Allerdings bleibt hier noch viel zu tun, wie man der FNG-Studie entnehmen kann: Nur 2,8% der Geldanlagen fließen in Deutschland in nachhaltige Investments.

Human Rights Day

Im Schwerpunktthema dieses Jahres, Menschenrechte und Nachhaltigkeit, zeigen die FNG-Studie und eine Podiumsdiskussion mit Investmentexperten, dass beide Themen konvergieren: War vor einigen Jahrzehnten das Thema Klimawandel bei der Beförderung von Menschenrechten nicht relevant, stellt es heute eine Bedrohung der Menschenrechtslage vieler vom Klimawandel Betroffener dar. Zudem wird deutlich, dass internationale Normsysteme, heute insbesondere die von der UN verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs) und die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung, als wichtige Meilensteine gesehen werden, um Unternehmen wie Staaten stärker in die Verantwortung zu nehmen.

Die Daten der Studie zeigen: Es tut sich eine Menge. Das FNG konnte in der DACH-Region innerhalb eines Jahres ein Wachstum um 29% bei nachhaltigen Investments auf 419,5 Mrd. EUR identifizieren. Diese Zahl lässt sich sehen. Einerseits. Für Deutschland stellt man jedoch bei genauerem Hinsehen fest, dass trotz hohem Bewusstsein für Umwelt- und Naturschutz noch wenig Bewusstsein für das Thema Nachhaltige Finanzen als Hebel der Umsteuerung und Veränderung vorhanden ist.

Differenziert nach Ländern wuchs der Markt in der Schweiz mit 39% am stärksten, in Österreich um 24% und in Deutschland um 15%. Auffällig ist, dass gerade in Deutschland die Retailgelder stark hinterherhinken: Hierzulande werden von allen nachhaltigen Geldanlagen gerade einmal 10% (2015: 15%) durch Privatkunden gestellt, gegenüber 25% (2015: 23%) in Österreich und 18% (2015: 25%) in der Schweiz. Damit besteht hier in der Beratung von Verbrauchern noch besonderer Handlungsbedarf.

Marlehn Thieme wurde auf der Veranstaltung auf diesen Punkt angesprochen. Hier zeigt der Rat eine doch erstaunliche Zurückhaltung. Man ist hier noch nicht so weit, dass Banken und allen freien Beratern schlicht abverlangt wird, jeden Kunden auf Nachhaltigkeit anzusprechen. Dass dies zur Selbstverständlichkeit und damit zur Routine werden kann zeigen schon seit langem das FNG, Ökofinanz 21 und die Qualitates GmbH. Schon eine einfache Frage genügt: Wie wichtig ist dem Kunden Thema Nachhaltigkeit? Jeder Berater sollte in der Lage sein dies zu erfragen und damit zu einem Bewusstseinswandel und einer wirklichen Veränderung beizutragen.

In der Zahl von knapp 420 Mrd. EUR nachhaltiger Geldanlagen sind ausschließlich Assets mit ausgearbeiteten ESG-Ansätzen berücksichtigt. ESG steht hier für Environment (Umwelt), Social (Soziales / Gesellschaft) und Governance (Unternehmensführung). Betrachtet man auch die Assets, die nur einzelne Merkmale berücksichtigen, dann liegt die Zahl wesentlich höher. So wird für mittlerweile 4,14 Billionen EUR in der DACH-Region ein Ausschluss für Streumunition und Antipersonenminen berücksichtigt. Auch die Aktivitäten des Bundesverbandes Investment und Asset Management BVI zur Entwicklung von Wohlverhaltensregeln und Berücksichtigung zumindest einiger ESG-Standards mag ermutigen, dass es eine breitere Bewegung gibt jenseits der strenger fokussierten Nachhaltigkeitsinvestoren und Nachhaltigkeitsberater.

Interessant ist auch die Entwicklung differenziert nach den verschiedenen Nachhaltigkeitsstrategien, die in der Praxis durchaus kombiniert werden:

Nachhaltigkeitsstrategie Anwendung Strategie auf Anlagevolumen in EUR Wachstum der Strategie in 2016
Ausschlusskriterien 229,4 Mrd. 29%
Best-in-Class (Nutzung nur der nachhaltigsten Titel eines Markt-Segments) 72,0 Mrd. 6%
Engagement (langfristig angelegte Dialoge mit Unternehmen, in der Regel nicht öffentlich) 176,0 Mrd. 98%
Impact (Abschätzung von Wirkungen) 19,9 Mrd. 34%
Integration (explizite Einbeziehung von ESG-Kriterien in die Finanzanalysen von Titeln) 197,0 Mrd. 61%
Themenfonds (zum Beispiel Wasserfonds) 26,6 Mrd. -10%
Normbasiertes Screening (Konformitätskontrolle nach internationalen Normen, bspw. Global Compact, OECD-Leitsätze für multinationale Konzerne, ILO-Kernarbeitsnormen) 183,7 Mrd. 87%
Stimmrechtsausübung (Ausübung von Aktionärsrechten auf der Hauptversammlung) 79,2 Mrd. 16%

(Siehe auch FNG-Marktbericht Seite 8)

Ausschlusskriterien sind nach wie vor die am häufigsten angewendete Strategie, gefolgt von Integrationsstrategien, normbasierten Screenings und Engagementprozessen. Ein noch kleiner und neuerer Bereich ist das Impact Investment mit dem Versuch, nicht nur Normen aufzustellen und einzuhalten, sondern mit dem expliziten Ziel Wirkungen zu erreichen.

Das weit überdurchschnittliche Wachstum von 29% bei nachhaltigen Geldanlagen lässt dennoch die Frage offen, wie noch mehr geschehen kann. Unter Performancegesichtspunkten ist in vielen Segmenten eine Anlage im nicht-nachhaltigen Bereich nicht mehr zu rechtfertigen. Daher ist es mehr als wünschenswert, wenn junge Asset-Manager ihre Fähigkeiten auch in diesem Segment verstärkt zeigen, um den schwerfälligen großen Investmenthäusern wie bereits auch im konventionellen Bereich zu zeigen, wo der Weg hingehen kann und hingehen wird.

Nicht Aufgabe des FNG-Marktberichts ist es aufzuzeigen, in welchen Segmenten nachhaltige Geldanlagen bereits voll konkurrenzfähig sind hinsichtlich der Performance. Dies ist Aufgabe des Researchs freier Berater. Anleger sollten sich jedoch klarmachen: Wer nachhaltig anlegt trägt zu einer nachhaltigen Entwicklung bei. Zugleich erhält er, dies zeigt der Markt, ohne Mehrkosten ein weiteres Risikomanagement durch die Berücksichtigung von ESG-Kriterien. Allein schon deswegen wird die Entscheidung von institutionellen Investoren wie auch von privaten Anlegern in Zukunft verstärkt klar pro Nachhaltigkeit ausfallen.

08.06.2017
Dr. Marcel Malmendier, Ingo Scheulen, Thomas Grimm

Bild-Quelle: FNG

Von | 2017-06-22T15:11:31+00:00 08. Juni 2017|Allgemein|