Europa

Wenn aufklärerischer Spirit und Institutionen auseinanderklaffen und wenn sich dies in Europa ereignet, dann kann so etwas dabei herauskommen: Das politische Establishment eines Landes wird weitestgehend vor die Tür gesetzt. So geschehen gerade in Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas. La République en Marche. Ich hoffe darauf!

Natürlich sind das historisch außergewöhnliche Momente. Eine solche Revolution im wörtlichen Sinne vollzieht sich nicht alle Tage. Natürlich gibt es spezifische Zutaten eines solches Ereignisses. Dazu gehört vieles. Etwa sich völlig lähmende Flügel eines Parteiensystems, ein hierzulande oft gescholtenes Mehrheitswahlrecht, das Erleben in einem Land, das seit Jahren in einer tiefen, schlickigen Pomadigkeit versinkt, aber auch Bildungs- und Aufklärungstraditionen, Lust auf Neues, vielleicht aber auch eine große Abstinenz an den Wahlurnen, und schließlich ein unerschrockener Filou wie Herr Macron.

Mal eben am mächtigsten Mann der Welt vorbei zu schreiten und dessen ausgestreckte Hand zur Begrüßung unbeantwortet in der Luft stehen zu lassen, um eine europäische Staatslenkerin zuerst zu begrüßen und dann noch die Harke eines „Make our Planet great again“ lassen aufhören. Ein Replik auf eben jenen Mann, der nur sein „America first“ und „Make America great again“ im Kopf hat. Medienwirksam. Ja. Aber Herr Macron trifft damit auch den Nerv vieler Entnervter, die sich seit Jahren Fragen, wofür man so viel europäische Bildung genossen hat, die einen einerseits die vielen Risse und Verlogenheiten im europäischen System sehen lassen, während man andererseits doch ohnmächtig zuschauen muss.

Risse und Verlogenheiten. Europa wird sich zusammenraufen oder mehr Luft zwischen Regionen, Nationen und ggf. auch zwischen Währungen geben müssen. Eine Europäische Union, die so tiefgreifende Ungleichgewichte zwischen den Ländern und Regionen zulässt, hat so keine Zukunft. Dazu äußerte ich mich bereits in meinem Blog am 09. Mai nach der Präsidentschaftswahl von Macron. Gebilde, die sich in der Historie nicht verändern, werden vom Subjekt der Geschichte zu deren Objekt. Sie sind schon Geschichte, bevor sie es selbst begriffen haben.

Heute muss Europa sein eigenes politisches Projekt und seine Ökonomie wesentlich stärker in eine Art Konkordanz bringen. Und das heißt: Ungleichgewichte abbauen. Es geht nicht um Harmonie oder sonstige kitschige Phantasien, sondern um Funktionalität. Jugendarbeitslosigkeiten wie wir sie in Südeuropa erleben, sind kein Ausweis von Funktionalität. Banlieues in Flammen auch nicht. Die Gewissheit, dass es keine Chancengerechtigkeit gibt und noch so einiges mehr nagen an den Grundfesten eines klassischen Bürgerkonsenses.

Und nun stehen Bürger auf und sagen: Europa kann und soll wieder zu unserem Europa werden. Das ist eine Chance. Die letzten Wahlen zeigen es. Und auch Bürgeraktionen wie Pulse of Europe.

Warum interessieren wir uns als Investoren und Berater von Geldanlegern so sehr für dieses politische Europa? Nun: Bildlich ist Europa eine der wesentlichen Kulissen auch unseres Investierens, auch dann, wenn wir weltweit anlegen. Ein kriselnder Währungsraum ist kein gutes Omen, erst recht nicht, wenn man dort lebt. Die Schuldenkrise geht weiter. Nichts davon ist wirklich im Kern bewältigt. Die möglichen Umwälzungen in Frankreich, so schmerzhaft und angstgeladen diese von vielen auch wahrgenommen werden, geben doch die Chance auf eine neue Dynamik und nötige gesamteuropäische Veränderungen. Starrheit ist gefährlich.

Ein neuer europäischer Elan bietet viele Chancen, auch für mehr Nachhaltigkeit und, was letztlich das Gleiche ist, für nachhaltig denkende Investoren.

Bild-Quelle: Europaflagge von Alterfalter

Von | 2017-06-21T09:52:11+00:00 20. Juni 2017|Allgemein|