Start-up meets Finance

Geschäftsidee formuliert, Räumlichkeiten und Mitarbeiter organisiert, die ersten Kunden im Visier – und jetzt soll es losgehen. Junge Unternehmer schauen fokussiert nach vorne. Nicht selten vergessen sie an dieser Stelle den berühmten kurzen Schulterblick und übersehen wesentliche Risiken. Dabei ist es mit der richtigen Leitfrage recht einfach: Welche Risiken sind für mein Unternehmen und für mich als Unternehmer existenziell?

Ich sage es sehr deutlich: Fragt man meine Branche, fragt man Gründungsberater, fragt man Juristen, so hört man viel Gutes, aber auch gehörig viel Unfug. Wie soll man als junger Gründer das Eine vom Anderen unterscheiden? Dazu hilft eben diese eine Frage: Welche Risiken sind existenziell für Unternehmen bzw. für Unternehmer?

Wann sind Versicherungen für Gründer sinnvoll

Vieles, was die Finanzbranche anbietet, fällt damit raus. Dazu zwei Beispiele:

  1. Ist eine Altersvorsorge für einen jungen Gründer existenziell? Wohl kaum. Die Renditen, die ein startender Unternehmer aus seiner eigenen Tätigkeit ziehen wird, wenn er seine Unternehmung ins Laufen bringt, dürften von keinem Altersvorsorgeprodukt zu toppen sein. Die gelungene Gründung bietet hingegen hohes Renditepotential, eigene Kontrollmöglichkeiten und vor allem Schonung der so wichtigen Liquidität in der Start-up-Phase. Altersvorsorgeprodukte in den ersten Jahren mit Ignoranz zu begegnen ist schlicht rational.
  2. Muss das Inventar versichert werden? Manchmal ja. Oft sicherlich nicht. Tisch, Stuhl, Telefon, Laptop und Router erfordern in der Regel nicht unbedingt eine Versicherung, um den Geschäftsbetrieb bei Totalverlust schnell wieder in Gang zu setzen. Wird gleich zu Beginn wesentlich mehr angeschafft, dann kann allerdings eine Inventarversicherung sinnvoll sein.

Was existenziell ist, das entscheidet sich im Einzelfall. Aber zwei Themen sind immer dabei.
Wie die Leitfrage andeutet: Wichtig ist eine Einzelfallbetrachtung. Ein guter Berater hilft dabei im Dialog, mit Fragen und Expertise. Dabei geht es längst nicht nur um Versicherungen, sondern um einen Mix aus Maßnahmen. Es geht um ein individuelles Risiko-Management, bei dem etwa folgende Themen abgewogen werden:

  • Risiko von Personen-, Sach- und Vermögensschäden durch die originäre unternehmerische Tätigkeit oder durch vertriebene Produkte
  • Risiko, dass Forderungen gegen andere durchgesetzt werden müssen
  • Risiko von Pflichtverletzungen gegen Gesetze, nationale wie internationale
  • Risiko der Verletzung fremder wie auch eigener Markenrechte
  • Risiken aus Unklarheiten von Verträgen oder AGB
  • IT-Risiken bzw. Datenrisiken
  • Risiken einer Betriebsunterbrechung, insbesondere bei hoher Abhängigkeit von einem Produktionsfaktor, z.B. Person des Unternehmers oder einer Maschine,
    vorhandene Sicherungssysteme für den Unternehmer und seine Familie, etc.

Krankenversicherung – privat oder gesetzlich?

Für jeden Unternehmer gehört der Krankheitsfall zu den existenziellen Themen. Hier sollte ein vorurteilsfreier Blick eröffnet werden, weil die Systementscheidung gesetzlich versus privat fast allen Unternehmen offensteht. Unvoreingenommenheit ist in Deutschland gar nicht so trivial, weil in kaum einem Versicherungsbereich die Vorurteile gegen das Eine (gesetzliches) oder das Andere (privates Versicherungssystem) so ausgeprägt sind. Ich rate dazu, sich mindestens mit den folgenden Punkte genau auseinander zu setzen:

  • Wie werden die Systeme finanziert (Umlage versus Kapitaldeckung) und welche Kostentreiber gibt es?
  • Welche Leistungsunterschiede gibt es?
  • Wie werden medizinische Innovationen in den Systemen aufgenommen und für Patienten finanziert und was kann das in Extremfällen für einen selbst bedeuten?
  • Wie sind die Leistungen niedergelegt und abgesichert (Gesetz versus Vertrag, der nur durch den Verbraucher kündbar ist)?
  • Wie sind Familienangehörige abzusichern und zu welchen Kosten?
  • Welche Mechanismen zur Stabilisierung der Beiträge im Alter sind in den Systemen vorhanden und welche Möglichkeiten hat der Einzelne, auf eine angespannte Kostensituation im Alter zu reagieren?
  • Welche Möglichkeiten für den Wechsel zwischen den Systemen gibt es und welche nicht?

Schließlich, wenn man an die Frage sozial bewegt herangeht – wovon ich jedoch wirklich abrate -, dann sollte die Koexistenz der beiden System betrachtet und die Leistungen ethisch bewertet werden.
Weitere Anmerkungen für eine gesunde Suche der passenden Krankenversicherung folgen in einem weiteren Blogbeitrag.

Haftungsrisiken

Ebenso wie die Frage nach der richtigen Krankenversicherung gehört die Frage nach Haftungsrisiken in jede Gründungsberatung.

Der Grundsatz ist simpel: Wer Schuld hat, der haftet. Und derjenige hat Schuld, der schuldig gesprochen wird. Es geht im Kern nicht um die Absicht, sondern um regelüberschreitendes Handeln und dies aus Sicht der Rechtsprechung und des Gesetzes. That’s it.

Wer im Kontext der heutigen Haftungskultur lebt, der wird irgendwann Regeln überschreiten, allein schon, weil man gar nicht alle Regeln kennen kann. Als Angestellter ist man noch gut geschützt, weil sich der Arbeitgeber alles Handeln des Mitarbeiters zurechnen lassen muss – und nur höchst selten bei diesem Regress nehmen kann. Als Unternehmen hat man heute kaum noch eine Chance, alle relevanten Regeln wirklich bis ins letzte zu kennen. Agiert man international, dann wird die Situation noch eklatanter.

Betriebshaftpflicht

Vieles ist versicherbar. Aber einzelne Tätigkeiten sind es nicht oder nur ausschnitthaft. Schlanke Lösungen zur Haftungsminimierung gibt es fast immer. Und manchmal sind es nur teilweise oder auch gar nicht die Versicherungslösungen, die wirklich helfen. Manchmal geht es auch um Abläufe, um Zuständigkeiten, um technische Lösungen, um vertragliche Aspekte. Ein guter Versicherungsberater muss gerade im Haftungsbereich über seine eigenes Metier hinausblicken können.
Niemals fehlen sollte allein aus ethischen Gründen die in der Branche liebevoll „Stolper-Haftpflicht“ genannte Police: Es geht um Personen- und Sachschäden im ganz normalen Kundenverkehr, z.B. eben durch stolpern. Weil dort die Eintrittswahrscheinlichkeit so gering ist, kostet diese fast nichts. Passiert dennoch ein Schaden, dann sollte ich diesen auch decken können. Zudem macht es etwa bei einem Personenschaden auch keinen Spaß, die Anwürfe eines großen Krankenversicherungs-Unternehmen zu parieren. Auch diese Schadenabwehr ist Teil jeder Haftpflichtversicherung.

Personen-, Sach- und Vermögensschäden und weitere mögliche Versicherungsaspekte

Weiter sollte für die Tätigkeit des Unternehmens gefragt werden, wie Personen-, Sach- und Vermögensschäden unwahrscheinlicher gemacht werden können. Bei dieser Frage sind wir nicht nur bei einer Betriebshaftpflicht-Absicherung, sondern immer auch bei den einfachen alltäglichen Abläufen des Unternehmens und wie es seinen Kunden und anderen gegenübertritt.

Das Feld der Haftpflichtversicherungen kann je nach Fall noch weiter sein: Manchmal sind strafrechtliche, markenrechtliche und Aspekte möglicher Pflichtverletzung gegen allgemeine Rechtsregeln zusätzlich in den Blick zu nehmen. Über die Betriebshaftpflicht-Absicherung hinaus kommen damit weitere spezielle Policen, wie etwa die D&O-Versicherung, in den Blick.

Gerade das Thema der Haftungsrisiken verdeutlicht: Nichts geht über ein sinnvolles, individuelles Risikomanagement und ganzheitliche Beratung – auch für Start-ups!

Geschrieben auf einer trockenen Terrasse unter famosen Bochumer Wolkenformationen, von blauweiß bis grauschwarz.
Dr. Marcel Malmendier

Von | 2017-10-19T10:59:16+00:00 21. August 2017|Start-ups und Unternehmer|