Investmentansätze: Quant versus Managementzentrierung

Im Investmentbanking nutzen wir zur Einteilung von Managementansätzen immer wieder die folgende Unterscheidung:

  • Titelselektion auf Basis quantitativer, weitgehend automatisierter Kriterien (Quant-Ansätze)
  • Titelselektion, bei der letztlich menschliche Urteile ausschlaggebend sind (managementzentrierte oder auch diskretionäre Ansätze)

Quant versus Managerzentrierung. Diese Unterscheidung ist einerseits wichtig, zugleich wird sie oft falsch verstanden.

Differenzierung Quant- und managementzentrierte Ansätze

Die Differenzierung zwischen Quant- und managementzentrierten Ansätzen zeigt, wie im Vermögensmanagement Entscheidungen zur Titelselektion getroffen werden:

  • Werden diese Entscheidungen nach festgelegten, in der heutigen Praxis quantitativen Kriterien getroffen? Dies bedeutet eine regelgebundene Einschätzung von Titeln und ggf. Märkten. Deutungen von Unternehmens- und Marktsituationen werden gewissermaßen in Regeln, Kriterien und Algorithmen gegossen. Die menschliche Fähigkeit zu Deutungen spielt keine oder nur eine untergeordnete Rolle.
  • Oder gehen Einzelfallbetrachtungen (hinsichtlich der Titel) bzw. Marktdeutungen (hinsichtlich der Asset Allocation) in die Investitionsentscheidung maßgeblich ein? Hier werden ebenfalls Daten verarbeitet. Dies kann im Einzelfall mit Quant-Ansätzen und vergleichbar ausgefeilten Methoden und Algorithmen geschehen. Entscheidend ist, dass so aggregierte Daten nicht unmittelbar zu einer Investitionsentscheidung führen. Sie dienen als Datengrundlage für die letztlich ausschlaggebende Deutung von Managern und ihren Teams.

Diese beiden Fragen sind zentral. Sie deuten darauf, welche Rolle Datenanalysen einerseits und Situations-Deutungen andererseits im Investment-Entscheidungsprozess spielen. Dieser Punkt ist grundsätzlich wichtig für die Einschätzung, ob ein Management zum einen spezifische Situationen und Brüche in der Historie von Unternehmens- und Kapitalmarktentwicklungen deuten kann und zum anderen den Faktor Mensch als Quelle von Fehldeutungen sinnvoll begrenzt.

Diese beiden Fragen werden auch dann zentral bleiben, wenn künstliche Intelligenz ins Vermögensmanagement Einzug halten wird. Auch bei der Entwicklung von digitalen Fähigkeiten zur Mustererkennung und Deutungsmustergenerierung wird immer die Frage bleiben, was Algorithmen sinnvoll tun können und wo der Mensch sowie Teams mit ganz anderen Fähigkeiten ihre Rolle haben.

Unterscheidung von Mensch und Maschine

Die Unterscheidung zwischen Quant und Managementzentrierung wird oft auch sehr verkürzt so verstanden, dass hier differenziert wird zwischen:

  • computergestützten Ansätzen
  • Ansätzen basierend auf Managern bzw. Managementteams

Dahinter steht die klassische Unterscheidung von Mensch und Maschine. Diese Differenzierung ist seit vielen Jahren empirisch überholt. Denn: In jedem Unternehmen geht es heute um die Frage wie Menschen, organisatorische Abläufe und digitale Hilfsmittel der Informationstechnologie intelligent kombiniert werden. Vor 30 Jahren wäre die Frage sinnvoll gewesen, wer Computer bei der Aufbereitung von Daten einsetzt oder nicht. Heute ist dies Standard. IT ist kein Vorteil mehr. IT ist eine Selbstverständlichkeit. Sie unterstützt, ersetzt und erweitert Tätigkeiten, die früher von Menschen verrichtet wurden.

Aus der wissenschaftlichen Literatur zu Organisationen und der Erfolgsgeschichten der Praxis wissen wir seit Jahrzehnten, dass das Zusammenspiel der Faktoren Mensch, Organisation und digitale Akteure ein entscheidender Erfolgsfaktor ist. Quant und Informationstechnologie als Hilfsmittel der Datenverarbeitung gehören ebenso dazu wie Manager und Abläufe in Teams. Wer hier intelligente Lösungen findet, hat und wird weiter Wettbewerbsvorteile haben. In anderen Worten ausgedrückt: Wer Lernprozesse in seiner Organisation “organisieren” kann und das über menschliches Lernen in der sogenannten “Weiterbildung” hinaus, wird Vorteile haben.

Risiko Mangel an Innovationsbereitschaft

Diese Aspekte gelten selbstverständlich genauso für den Erfolg von Vermögensmanagement. Ein Mangel an Reflexion und Innovationsbereitschaft in den Bereichen Organisation und IT ist hier mindestens ein Risiko. Insofern achten wir bei der Auswahl unserer Manager immer auch darauf, dass die Faktor-Verknüpfung Mensch, Organisation und digitale Akteure ein wichtiges Thema ist.

Sicherlich werden die seit 20 Jahren zunehmend ausgefeilten Techniken auf Basis neuronaler Netze die Faktor-Kombination Mensch, Organisation und IT weiter verschieben. Ob die von vielen erwartete und manchmal fast schon prophetisch postulierte Technologierevolution durch künstliche Intelligenz (KI) in einem Ersatz des Menschen münden wird, sei dahingestellt. Dies wurde schon in den 80er Jahren im Zuge der Automatisierung und Roboterisierung der Fertigungsprozesse erwartet. Heute machen viele Menschen andere Dinge, aber die Wirtschaft braucht uns immer noch.

Insofern ist KI auch für uns ein Thema. Wir finden diese Entwicklung extrem spannend und sehen es positiv, wenn Fondsmanagements Möglichkeiten beobachten und für sich ausloten. Vermutlich werden wir diesen Satz in 10 Jahren anders formulieren. Etwa so:

“Wer die Faktorkombination von Mensch, KI und Organisation nicht als zentrale Aufgabe im Vermögensmanagement sieht wird von uns nicht mehr berücksichtigt.”

Fazit

Als Fazit können wir festhalten, dass uns bei der Selektion von Managements folgende Fragen interessieren:

  • Werden Entscheidungen durch regelgebundene Ansätze quantitativ getroffen oder sind managementzentrierte Entscheidungsfindungen und Situationsdeutungen im Vordergrund?
  • Was können wir erfahren darüber, wie ein Vermögensmanager die Faktoren Mensch, Organisation und digitale Akteure kombiniert? Findet man hier eine lernoffene und innovationsbereite Kultur oder sind die Fragen, die in der Organisationswissenschaft seit ca. 40 Jahren Common Sense sind, doch eher fremd?

Und was hat die Unterscheidung von Quant und Managerzentrierung nun mit Nachhaltigkeit zu tun? Antworten dazu gibt es in sieben Tagen in einem neuen Blogpost.

Bochum 11.12.2017
Dr. Marcel Malmendier

Von | 2017-12-21T09:17:05+00:00 12. Dezember 2017|Investmentansätze|