Nachhaltigkeitsfilter im Investment-Management und ESG-Integration

Im letzten Blogpost zu Quant versus Managementzentrierung ging es um die Unterscheidung zwischen Quant-Investment-Managern und managerzentrierten Investmentansätzen:

  • Im Quant-Bereich finden wir quantitative und oftmals stark automatisierte Titelanalysen – also heute primär auf Grundlage vorab definierter Kriterien, wobei künstliche Intelligenz in Zukunft an der Entwicklung für Quant-Analysen-Kriterien mitwirken wird.
  • Im Bereich managerzentrierter Ansätze finden wir Methoden der Titelanalyse, die wie bei klassischen Investoren von Menschen durchgeführt werden – also primär auf Grundlage von internen Diskursen in Managementteams und individuellen Reflexionen.

Bei genauem Hinsehen findet sich in der Nachhaltigkeits-Selektion die gleiche Grundfigur:

  • Eine Reihe von Managern nutzen in der Nachhaltigkeitsanalyse einen in Datenbanken hinterlegten Nachhaltigkeitsfilter: Entweder über externe Rating-Agenturen oder durch intern aufgebaute Expertise. Gelegentlich wird auch beides in Kombination genutzt. Typischerweise findet man bei Fonds, die sich als „nachhaltig“ deklarieren, eine feste Struktur, die über mindestens einen solchen datenbankbasierten Filter verfügt.
  • Andere Manager betonen hier primär, manchmal auch zusätzlich zu einem datenbankbasierten Filter, den eigenen Research-Prozess. Hier wird hervorgehoben, dass man in der Auseinandersetzung mit einer konkreten Investition sehr viele Informationen zu diversen Nachhaltigkeitskriterien erhebt, zusammen mit Finanzkennziffern und Intervieweindrücken mit Unternehmens-Managern. Diese einzelfallbezogenen Daten werden im internen Diskurs und in der individuellen Reflexion vor jeder Investmententscheidung verarbeitet. Typischerweise deklarieren sich Fonds ohne datenbankbasierten Filter nicht als „nachhaltig“, weil eine Objektivierungsinstanz für Nachhaltigkeits-Research fehlt. Bisweilen wird hier ein schwächeres Label genutzt, insbesondere man investiere „verantwortungsvoll“. Hier sollte im Einzelfall beurteilt werden, was eine solche Deklaration wert ist.

 

Prozesse der Nachhaltigkeitsanalyse im Investmentmanagement

Um die Funktion der verschiedenen Ansätze der Nachhaltigkeitsanalyse weiter zu verstehen, sind vor allem die folgenden beiden Punkte wichtig:

  1. Die Rolle von IT und Menschen

Wie gesagt: Es geht nicht um Maschine versus Mensch. Schaut man genauer hin, so findet man IT heute in allen Ansätzen.

In Quant-Ansätzen wird der Datenfilter aufgesetzt (im Übrigen durch Menschen) und der Selektionsprozess wird danach maschinell durchlaufen. Je nach Fall erfolgen zwischendurch oder am Ende des Selektionsprozesses partielle menschliche Eingriffe. Wir sehen hier also eine Sequenzierung der IT- und der Menschen-Rollen.

In managementzentrierten Ansätzen finden wir nebengeordnete Organisationsformen, in denen nicht sequentiell, sondern simultan immer wieder Teile des Selektionsprozesses von IT-Tools und von Menschen übernommen werden. Bisweilen zeigen diese Prozesse die üblichen chaotisch-kreativen Muster von Such-, Lern- und Research-Prozessen. Auf der einen Seite sehen wir sequenzielle Rollenaufteilungen, auf der anderen Seite simultane Aufgabenerfüllungen.

Genau diese Muster finden wir ebenfalls in den Prozessen der Nachhaltigkeitsselektion:

Sequenzialisierung: Einige Häuser lassen das Anlageuniversum durch bestimmte Nachhaltigkeitsfilter laufen, bevor dann Manager aus diesem ausgedünnten Anlageuniversum nach finanziellen Kriterien Titel auswählen.

Simultaneität: Andere Häuser nutzen zusätzlich zu einem vorgeschalteten Nachhaltigkeitsfilter oder auch ausschließlich im Prozess der Einzeltitelanalyse fallbezogen bestimmte Datenressourcen und Tools zur Analyse.

  1. Datenfilter versus Fallbetrachtung

Sequentialisierung von Rollen heißt, man nimmt eine klare Trennung von Rollen in den Abläufen vor. Ein Datenfilter liefert hier ein Ergebnis, dass im Analyseprozess so in die nächsten Schritte übernommen wird. Simultaneität erlaubt ein Vor und Zurück in der Analyse, ein Nebeneinander von verschiedenen Fragen und damit eine Generierung von neuen Fragen als auch von neuen Anforderungen an Daten- und Analysetools. Vorhandene Daten werden so nicht selten aus ganz verschiedenen Blickwinkeln befragt.

Im Falle einer sequentiellen Vorgehensweise ist der Datenfilter allein oder fast allein entscheidend dafür, was im Investmentmanagement als nachhaltig gilt und was nicht. Was hier im Filter ‚drinsteckt‘ und was dieser ‚durchlässt‘ definiert Nachhaltigkeit und damit das Anlageuniversum. Im Falle einer flexibleren Organisation des Selektionsprozesses mit simultanen Analyseprozessen erhalten Diskurse und individuelle Reflexionen eine wichtige Rolle. Hier ist eher das Problem, wie man den Research-Prozess organisiert und wie man das Ende der Analyse definiert. Die Auseinandersetzung mit dem Einzelfall gibt hier die Antwort auf die Frage nach dem Grad der Nachhaltigkeit.

 

 

ESG-Integration

Mit den genannten Punkten lässt sich nun nachvollziehen, welche Vorteile eine ESG-Integration bietet und warum dies vermutlich die Zukunft für qualitätsorientierte, nachhaltige bzw. verantwortungsvolle Managements sein wird:

ESG steht für Environment, Social und Governance. Letzteres lässt sich schwerlich ins Deutsche übertragen. Es heißt mehr als einfach nur Führung oder Unternehmensführung. Es steht hier systematisch für die Art, wie ein Management für ökonomischen Erfolg eines Unternehmens sorgt.

ESG-Integration wird üblicherweise als die Integration von finanzieller Analyse und von Nachhaltigkeitsanalyse verstanden. Erfolgen diese beiden Analysen nur sequentiell, so ist keine Integration gegeben. Werden aber Nachhaltigkeits- und Finanzaspekte systematisch aufeinander bezogen und damit beide Analysebereiche simultan betrachtet, so ist dies ein erster Schritt der ESG-Integration.
Einige Beispiele zur Veranschaulichung:

  • Ressourceneffizienz ist als Kenngröße beiden Bereichen zuzuordnen.
  • Stabile Cashflows erlauben Umweltinvestitionen und solche werden heute im Zeitalter des Übergangs zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise immer wichtiger, um die stabilen Cashflows der Zukunft zu generieren.
  • Gute Governance-Strukturen verbürgen eine hohe Chance auf Unternehmenserfolg und sind zugleich unter sozialen Gesichtspunkten zu begrüßen.

ESG-Integration kann und sollte aus meiner Sicht jedoch einen Schritt weitergehen. Die Titelanalyse sollte idealerweise Datenfilter als generelle Qualitätshürde vor einer Investition und Diskurse zum Einzelfall enthalten. Kriterien können in Datenfiltern integriert werden. In der Auseinandersetzung mit Einzelfällen können komplexe Wechselwirkungen thematisiert und dazu Detailinformationen eingeholt werden: Diese beinhalten dann wiederum beides: Finanzielle Einschätzung und Nachhaltigkeits-Einschätzung. Typischerweise bringt eine solche Auseinandersetzung, wird sie richtig geführt, immer auch Benefits für beide Bereiche mit sich. ESG-Analyse ist immer auch Risiko-Filterung und heute zunehmend eine Filterung von Chancen. Klassische Finanz-Analyse allein wird zunehmend weniger genügen, um die finanzielle Situation von Unternehmen umfassend zu verstehen.

 

Fazit

ESG-Integration bietet Chancen für Manager wie für Anleger. Wir achten bei der Auswahl von Managern immer auf die Rollenverteilung von IT und Mensch: Ist diese eher sequentiell oder simultan organisiert? Dies ist sowohl für die finanzielle als auch für die Nachhaltigkeitsanalyse von wesentlicher Bedeutung. Genauso interessiert uns, wofür generelle Datenfilter eingesetzt werden und wie interne Diskurse und individuelle Reflexionen in der Auseinandersetzung vor konkreten Investitionen eine Rolle spielen. Auch dies interessiert uns sowohl im Hinblick auf finanzielle Aspekte als auch hinsichtlich der Nachhaltigkeitsanalyse.

Bochum, 18.12.2017,

Dr. Marcel Malmendier

Von | 2017-12-21T10:04:22+00:00 20. Dezember 2017|Investmentansätze|