Ratings: Datenlieferant oder Diskurspartner? Wie Investmentmanager Ratings nutzen und was Ratings leisten können.

Rating-Agenturen sind Daten-Jäger, Daten-Sammler, Daten-Aufbereiter und Daten-Lieferanten. Dies ist zumindest die Basis ihrer Existenz. Wären alle Daten öffentlich und so aufbereitet, dass wir bei Investmententscheidungen schlicht eine oder mehrere große öffentliche Datenbanken befragen könnten, dann bräuchte es schlicht keine Rating-Agenturen der heutigen Ausprägung.

Wie in den Blogposts zu Quant versus Managementzentrierung und ESG-Integration geht es auch hier um die Rolle von Daten.
Aber natürlich sind Daten immer nur eine Basis. Und so zeigen sich Unterschiede zwischen den führenden Ratingagenturen wie Imug Rating in Kooperation mit Vigeo Eiris, oekom research, MSCI ESG, sustainalytics oder inrate vor allem hinsichtlich

  • des abgedeckten Investmentuniversums – wobei wir erwarten, dass sich hier die Leistungsfähigkeit zwischen einigen konzentrierten großen Anbietern in den kommenden Jahren angleichen wird – und
  • der Fähigkeit zu beraten hinsichtlich der Bewertung von Daten sowie der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeit im Investmentprozess.

Heute stellen Rating-Agenturen nach Außen vor allem heraus, wie umfassend das gecoverte Universum an Unternehmen und Staaten ist und wie einfach und zielgerichtet diese Daten für Investment-Manager aufbereitet werden. Dabei geht es um Fragen wie: Finden wir dort 3.000 Titel oder 12.000? Werden nur große oder auch kleinere Unternehmen geratet? Wie sieht es mit Staaten-und etwa Green-Bond-Ratings aus? Wie übersichtlich ist die Aufbereitung der Daten (z.B. Ampellogiken grün, geld, rot oder andere informationsreichere Darstellungen)?
Einen Schritt tiefer geht die Frage nach den gecoverten Nachhaltigkeits-Kriterien: Werden Unternehmen und Staaten nach 25, 75 oder noch mehr Kriterien untersucht? Derzeit werden zum Beispiel oft Bewertungen des CO2-Fussabdrucks eines Investmentportfolios herausgestellt.
Auf ähnlicher Ebene liegt die Frage, welche Quellen dabei ausgewertet werden und wie besondere Charakteristika von Branchen berücksichtigt werden: Werden primär Unternehmensbericht-erstattungen, öffentliche Studien und Presse berücksichtigt? Oder werden auch nicht-öffentliche Studien angekauft, eigener Research durch Befragung in Einzelfällen betrieben oder auch eigene Studien etwa in Kooperation mit Forschungseinrichtungen erstellt?

Je spezifischer man mit den Fragen in die Tiefe geht, desto mehr verwandelt sich die Frage nach Daten und Datengüte in jene nach der Einordnung und Bewertung von Daten. Spannend ist hier etwa die Frage, wie Branchen bei der Titelanalyse berücksichtigt werden. Wird zwischen Dienstleistungs- und produzierenden Unternehmen, die aufgrund ihres Energieverbrauchs in aller Regel einen deutlich höheren Treibhausgas-Faktor haben, differenziert?
Wieder eine Frage, die weitere nach sich zieht: Wird bei Dienstleistungsunternehmen etwa vor allem auf Aspekte der Umwelt (z.B. carbon footprint) und der Governance (Systeme der Unternehmensführung etc.) geschaut, oder macht sich eine Rating-Agentur auch über die Nachhaltigkeits-Wirkungen der angebotenen Dienstleistungen Gedanken?

Bei Finanzinstituten, die aufgrund ihrer Fähigkeit, Geld über Kredite zu schöpfen und Big Money im Kapitalmarkt über verschiedene Aktivitäten zu bewegen, spielt dies eine besondere Rolle. Genau deswegen wirkt das Handeln von Banken und Investmenthäuser als Verstärker und Multiplizierer von positiven wie negativen Nachhaltigkeits-Wirkungen.

Man könnte diese Fragekette fortsetzen. Doch der Ausgangspunkt dieses Posts sollte bereits hier deutlich sein: Fragen, die bei Datenerhebung und Datenanalyse beginnen, mutieren sozusagen unter der Hand in solche der Deutung und Bewertung, je mehr man ins Detail schaut.

Vor wenigen Monaten sagte mir ein Vertreter einer der größten Rating-Agenturen, dass die Qualität der Daten sein Haus als das Beste auszeichnen würde. Auf die Frage, was er mit Datenqualität meine, verwies er darauf, dass sein Haus sehr viele Unternehmen covern und man über ein großes weltweites Netz an Analysten verfügen würde. Schließlich liefere man einfache Darstellungen, eben easy to use.

Ganz anders die Argumentation für Qualität, die ich bei Imug (www.imug.de/imug-rating/) in Hannover vorfand. Hier erläuterten mir Jan Köpper und Uwe Wilkesmann bei meinem Besuch im Sommer 2017 zwar ebenfalls, dass man auf ein großes Universum ziele. Zusätzlich wurden jedoch Bewertungsfragen hervorgehoben. So erhielt ich Einblicke in verschiedene mögliche Datenfilter, hinter denen unterschiedliche Deutungen von sozialen und ökologischen Nachhaltigkeits-Kriterien stehen. Ebenso wurde mir aufgezeigt, dass je nach Investor ganz eigene Daten-Bewertungsfilter konzipiert werden und Informationen und Überlegungen zu Kontroversen zu einzelnen Nachhaltigkeits-Kriterien und zu ihrer Anwendung auf einzelne Titel geliefert werden können. Hierfür werden umfassende qualitative Daten vorgehalten, die längst nicht nur die offiziellen Verlautbarungen von Unternehmen beinhalten. In diesem Ansatz ist Datenerhebung und -analyse neben der Vorbereitung der Datenlieferung an Kunden immer auch Vorbereitung des aktiven Diskurses zwischen Rating-Haus und Investment-Manager bzw. Investor.

Grundsätzlich spricht wenig dafür, Nachhaltigkeit nur als Ziel zu begreifen, dessen Umsetzung wir mit messbaren Daten befördern und beschreiben können. Nachhaltigkeit ist vor allem etwas, was aktiv umzusetzen ist. Es ist ein Prozess, der durch viele einzelne Entscheidungen vorangetrieben und gesteuert wird. Und bei diesen Entscheidungen helfen nicht nur Daten, sondern immer auch Bewertungsfragen.
Ratings können diese Entscheidungsprozesse und ihre Weiterentwicklung begleiten. Dies geht über die bloße Umsetzung bestimmter Kriterien in Portfolien hinaus. Daten dienen dann als Basis für weiterführende Diskurse und Reflexionen. Wenn Nachhaltigkeit ein Prozess ist, dann ist gutes Rating immer auch eine Begleitung dieses Prozesses mit Know-How. Wichtig dabei wird sein

  • die Gewichtung von Nachhaltigkeitskriterien (z.B. Ist etwa der carbon footprint eine sinnvolle Größe für Finanzinstitute oder müsste hier nicht die Wirkung von Finanzprodukten hinterfragt werden?),
  • die Differenzierung und Erforschung der Zusammenhänge zwischen solchen Kriterien (z.B. Wie hängt die Motivation von Mitarbeiterin mit einer guten Governance-Struktur zusammen?)
  • und die immer kontroverse Anwendbarkeit auf den Einzelfall.

Was sollte man also von Rating-Agenturen erwarten? Aus Sicht des Soziologen, der in einer Profession ausgebildet ist, die sich insbesondere mit Datenerhebungen und – interpretation auseinandersetzt, ist der Blick klar. Die Qualität einer Ratingagentur sollte sich daran bemessen, dass sie beide Seite bedient: Quantitatives und Qualitates, Daten und Diskurse, Kriterien und ihre Einordnung. Mit anderen Worten: Sie sollte im Alltag Schnittstellen zu Datenbanken und Möglichkeiten zu Diskussionen gleichermaßen anbieten. Wie der wissenschaftliche Blick ist auch genau dies in der Praxis gefordert. Als Investment-Advisor, der seine Verantwortung ernst nimmt, liegen unsere Herausforderungen genau dort: im Zusammenspiel von Datenfiltern und wie diese Filter auf die Praxis passen – also auf die Welt da draußen.

Bochum 25.02.2018

Dr. Marcel Malmendier

Von | 2018-03-01T12:21:43+00:00 01. März 2018|Investmentansätze|