Was heißt eigentlich Sustainable Finance? Und wie kommen wir dorthin?

Sustainable Finance. Ein neuer Begriff, über den und mit dem in diesen Monaten in Europa viel diskutiert wird. Immerhin, so sieht es derzeit aus, macht sich Europa auf höchster politischer Ebene bereit, die ersten ernsthafteren Regeln für Investoren, Investmentberater und Vermögensverwalter aufzustellen. So soll es Regeln für Investoren und Vermögensberater geben, die diese darauf verpflichten, zumindest einige Grundstandards nachhaltigen Investierens einzuhalten. Am 22 März fand dazu ein vielbeachtetes Event der EU-Kommission statt.

Zugleich ist die Verwendung des Begriffs unscharf. Auch in den Papern der EU wird mal von Green Finance, mal von Sustainable Finance gesprochen – zwei durchaus unterschiedliche Konzepte. Also höchste Zeit, als überzeugter Verfechter von Nachhaltigkeit (=Sustainablity) der Bedeutung dieses Begriffs auf den Grund zu gehen.

Sustainable Finance meint, dass Investments und das Finanzsystem gezielt auf Nachhaltigkeitsaspekte ausgerichtet werden. Dabei sind jeweils die grundlegenden Dimensionen der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Dieses sehr allgemeine Verständnis dürfte unstrittig sein.

Nachhaltigkeit bedeutet nach herrschendem internationalem Verständnis die gleichzeitige Berücksichtigung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten bei Handlungsentscheidungen, etwa als Konsument, Unternehmen, öffentliche Instanz oder sonstige Organisation. Die Fokussierung nur auf ein oder zwei dieser Dimensionen ist nach diesem Verständnis nicht nachhaltig.
Insbesondere ist damit der Begriff der Sustainable Finance abzugrenzen vom Begriff der Green Finance, der auf ökologische Aspekte fokussiert bzw. auf die Verbindung von Ökologie und Ökonomie, dabei jedoch soziale Aspekte weitgehend außer Acht lässt.

Die Idee der Nachhaltigkeit ist aus unserer Sicht auch ein halbes Jahrhundert nach der Gründung des Clubs of Rome ein Faszinosum: Hier wird ein international konsensfähiges Rahmen-Konzept geliefert, dass drängende Menschheitsthemen identifiziert und Handlungsmöglichkeiten umfassend aufzeigt. Der Reiz dieser Idee dürfte sich gerade auch durch die Verbindung der drei bereits genannten Dimensionen erklären lassen.

Vor allem scheinen uns die folgenden Aspekte wichtig:

  • Nachhaltigkeit ist ein existenzielles Rahmen-Konzept. Seit Jahrzehnten werden die überzeugendsten Lösungsideen für die drängenden Menschheitsthemen (Erderwärmung, Bevölkerungswachstum, Ressourcenverzehr, Mangels an Lebenschancen für viele Menschen, Hunger, Umweltverschmutzung etc.) im Rahmen mehrdimensionaler Konzepte formuliert, die gleichzeitig die Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie adressieren.
  • Nachhaltigkeit ist ein konturiertes Rahmen-Konzept. Es liefert hinreichende Kriterien, um nachhaltiges Handeln und Denken von nicht-nachhaltigem Handeln und Denken zu unterscheiden. Ein wesentlicher Punkt ist, dass Aspekte aus und Wirkungen in allen drei grundlegenden Dimensionen berücksichtigt werden müssen. Ansonsten handelt es sich nicht um nachhaltige Ansätze.
  • Nachhaltigkeit ist ein offenes Rahmen-Konzept. Es bietet eine Vielfalt an Möglichkeiten zum Handeln und Denken. Gerade damit ist es kulturübergreifend anwendbar und auf spezifische lokale Gegebenheiten hin ausgestaltbar. Und mit dieser Offenheit lässt es Auseinander-setzungen und Diskurse zu, die dieses Thema weitertreiben.
  • Nachhaltigkeit ist ein integratives Rahmen-Konzept. Es umfasst Zielkonflikte und konkurrierende Themen. Der zentralste Konflikt ist der ökologisch stets negative Ressourcenverzehr. Dieser tritt bei jedem ökonomischen Handeln auf, massiv verstärkt seit den ersten Industrialisierungsschüben vor 250 Jahren. Zugleich ist Ressourcenverzehr eine mehrerer Grundlagen für soziale Wohlstandsentwicklungen. Innerhalb des Rahmenkonzepts der Nachhaltigkeit können solche Zielkonflikte verhandelt und moderiert werden. Spannungsverhältnisse zwischen den drei Dimensionen befördern Diskurse, die dieses Thema auf der Agenda halten.

Sustainable Finance ist nun die Anwendung der Idee der Nachhaltigkeit auf die Finanzwirtschaft. Jede Branche hat ihre eigene gesellschaftlichen Wirkmechanismen und Wirkungen. Das Besondere der Finanzwirtschaft liegt darin, dass Projekte und Unternehmungen ermöglicht werden, die aus eigener Kraft von Initiatoren allein nicht umgesetzt werden könnten. Der Begriff des „Vermögens“, rein von seiner ursprünglichen Bedeutung her, verdeutlicht dies: Stellt man Menschen „Vermögen“ zur Verfügung, dann können diese etwas umsetzen. Dies reicht vom privaten Eigentumserwerb über unternehmerische Aktivitäten bis hin zu internationalen Infrastrukturmaßnahmen.

Im Umkehrschluss kommt den Finanzströmen dieser Welt eine enorme Steuerungswirkung zu. Wenn es gelingt, diese Finanzströme in bestimmte Richtungen zu lenken und von besonders schädlichen Bereichen fern zu halten, dann kann dies in besonderer Weise nachhaltiges Handeln befördern und schädliches Handeln unterbinden. Gerade weil Finanzen ein universelles Steuerungs-Medium sind, das weitgehend unabhängig von bestimmten Branchen und lokalen Gegebenheiten wirkt, sind die Finanzströme ein hervorragender Hebel des Wandels zu Nachhaltigkeit.

Wer nun allerdings glaubt, dass die Lenkung der Finanzströme mit instrumentellen gesetzlichen Regeln zu einem nachhaltigen Finanzsystem führen wird, ist schlicht naiv. Bedauerlicherweise findet man diese Haltung häufig bei sogenannten Experten der Finanzbranche, aber auch in der Politik. Solche instrumentell getriebenen Veränderungen können zwar weit reichen. Aber irgendwann bleiben sie stecken. Soviel wissen wir, empirisch unstrittig belegt. Wir wissen zwar nicht, an welcher Stelle dies geschieht. Aber wir wissen, dass isolierte, instrumentelle Veränderungen in sozialen Kontexten, hier in der Finanzwelt, ineffizient sind und vieles nicht erreichen, was erreichbar wäre.
Das ergänzende Mittel ist die Kunst, Menschen mitzunehmen. Dieses Bonmot – ‚Menschen mitnehmen‘-, das gerade in der Politik häufig bemüht wird, scheint im Hinblick auf Sustainable Finance in den Europäischen Diskussionen noch nicht angekommen. Menschen mitnehmen heißt: eine Kultur der Diskussion, der Reflexion, der Auseinandersetzung und des Ringens um Themen schaffen, und damit eine Kultur, die instrumentelle Veränderungen trägt. Dazu gehören Diskurse von Praktikern, fortlaufende Weiterbildung, und auch, aber nur als ein Aspekt, die regulatorische Vorgabe von Fragestellungen und Regeln für Berater und Investoren.
Hoffen wir, dass sich diese Einsicht in die Struktur von Veränderungsprozessen in Europa noch durchsetzt. Die sich dann abzeichnenden Change-Ansätze für Sustainable Finance sähen deutlich anders und viel umfassender aus.

Bochum, 13.04.2018

Dr. Marcel Malmendier

Von | 2018-04-19T11:16:21+00:00 19. April 2018|Allgemein|