Die Probleme der Finanzbranche mit Sustainable Finance. Impressionen der Tagung „Kapitalanlage und Nachhaltigkeit“ FAZ-Mediengruppe am 18. April in Frankfurt

Es ist so eine Sache mit der Nachhaltigkeit und ihren drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales. Alle drei in einem konzeptionellen Rahmen zu denken bleibt für viele schwierig. Die Herausforderung allerdings, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen, versteht heute so gut wie jeder. Green Finance ist in den letzten Jahrzehnten vermittelbar geworden. Und im Hinblick auf das Ziel ‚greening finance‘ ist für mich die genannte Fachtagung ein guter Schritt und damit ein Erfolg. (Siehe den ausführlichen Bericht hier.)

Die Debatten der Tagung offenbarten jedoch hinsichtlich des Wie der Transformation in ein nachhaltiges Wirtschaftssystem eine deutliche, obgleich bereits gut bekannte Schlagseite: Mit der Dimension des Sozialen wissen viele in der Branche nicht allzu viel anzufangen. Eigentlich ist es trivial: Diese Transformation kann nur dann gelingen, wenn die soziale Praxis der Menschen effektiv erreicht wird. Über ressourcenschonende Technologien und die Messung von bestimmten Key Performance Indicators (KPIs) wie CO2-Reduktion zu sprechen fällt heute vielen nicht mehr schwer. Unternehmen und Investments nach bestimmten sozialen Merkmalen (z.B. ILO-Standards etc.) zu befragen ist auch nicht mehr die Herausforderung. Dass wir als Konsumenten, als Unternehmer, als Politiker, als Verbände etc. Verhalten und Systeme ändern müssen wird auch noch gedacht, abstrakt. Die Frage aber, wie jenseits von Technik und ökonomischen Anreizen das Verhalten von Menschen und Entscheidungsträgern verändert werden kann und muss und in welcher Hinsicht die Strukturen der Finanzbranche ebenfalls auf den Prüfstand gehören bleibt auch auf dieser Tagung ein Randthema.

Dabei hatten die Urväter und -mütter der Nachhaltigkeitsidee die Wichtigkeit aller drei Dimensionen auf dem Radar. Und es ist ja nicht so, dass es nicht Beispiele aus anderen Branchen gäbe, wie Struktur- und Verhaltensänderungen – also Kerngrößen der sozialen Dimension – möglich sind. Man denke nur an die Strukturveränderungen und das massiv geänderte Investitionsverhalten in der Energiebranche, die mit der Trennung von Erzeugung und Netzen und mit dem EEG einhergingen. Und man denke nur an die Phantasien zur Transformation der Verkehrsbranche, die derzeit diskutiert werden, die getrieben sind von neuen Energiespeichern und IT. Vermutlich wird auch die Finanzbranche aus sich heraus eine Transformation zu Strukturen, die Nachhaltigkeit verbürgen, kaum schaffen. Warum sollte diese Branche besser sein als andere? Auch sie wird einen externen nudge (Stupser) brauchen, zum Beispiel in Form eines politischen Eingriffs. Jedenfalls findet die Debatte über Verhaltens- und Strukturveränderungen in der Finanzbranche, wenn überhaupt, nur oberflächlich statt. Auch die Debatten auf EU-Ebene zu Green Finance, die derzeit massiv vorangetrieben werden, weisen eindeutig nicht in diese Richtung. Sustainable Finance haben wir so nicht zu erwarten, sondern nur ein größeres Stück Grün im Finanzsektor. Was fehlt ist die immer wieder in allen ihren Facetten gestellte Frage nach dem Wie der Transformation zur Nachhaltigkeit und den denkbar möglichen Beiträgen der Finanzbranche, eben auch jenseits eingefahrener Wege und Strukturen.

Werfen wir einen Blick auf die Tagung:
In seiner Eröffnungsansprache verweist der hessische Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung, Tarek Al-Wasir, auf die hohe Priorität, die Sustainable Finance derzeit im politischen Diskurs erlange. Er betont auch, dass „die Energiewende und die Transformation der Wirtschaft passender Unterstützung durch die Finanzindustrie“ bedarf. In anderen Worten: Finanzindustrie als Dienstleister der Realwirtschaft und dies im Hinblick auf eine Verbindung von Ökologie und Ökonomie. Volle Zustimmung! Die Frage nach dem Wie bleibt aber weitgehend in der Luft. Also: Green Finance und nicht Sustainable Finance ist sein Thema.

Sodann spannt einer der Leiter des  Wuppertaler Umweltinstituts, Prof. Dr. Fischedick, den Rahmen für die anstehenden technischen und infrastrukturellen Transformationen auf (allen voran Energiewende und Verkehrswende). Sein Thema vor allem: Instrumente sind vorhanden bzw. entwickeln sich. Und: Diese bieten enorme Investitionsgelegenheiten – allerdings ohne Garantie, auch stranded assets zu erwischen, wie immer dann, wenn es um technologische und infrastrukturelle Weichenstellungen geht.

In der anschließenden Plenums-Diskussion von ihm mit Dr. Manfred Müller, Vorstandsvorsitzender der MVV Energie AG, und Sabine Nallinger, Vorständin Stiftung 2 Grad erhält erstmals die soziale Dimension der Nachhaltigkeit Raum: Frau Nallinger verweist zum einen darauf, dass man Vernetzung in der Industrie deutlich mehr organisieren müsse und berichtet über grüne Projekte aus dem Kontext ihrer Stiftungsaktivitäten, die es ohne Vernetzung nicht geben würde. Zum anderen verweist sie darauf, dass man Transformationsverlierer identifizieren und sich um diese kümmern müsse, auch um Widerständen schon präventiv zu begegnen. Das Soziale der Sustainablity scheint hier auf.

In den anschließenden parallel laufenden Fachvorträgen werden verschiedene Aspekte und Möglichkeiten nachhaltiger Kapitalanlagen vorgestellt und diskutiert wie verschiedene Portfoliostrategien, Klimarisiken als ökonomische Risiken, aktives versus passives Investieren, Engagement-Ansätze und die Macht von Kapital, Unternehmen und Staaten zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen. Soweit ich diese Vorträge und Diskussionen besuchen konnte war mein Eindruck: Das Thema Green / Sustainability ist als Thema in den Köpfen. Vertreter der Praxis interessieren sich. Gut so!

Die dann folgende zweite Diskussionsrunde im Plenum über Impact Investment brachte in meiner Wahrnehmung vor allem zwei Gedanken:

  • Den einen sollte man als Investor stets im Blick halten: Je konkreter das Investitionsobjekt (zum Beispiel Solar, Wind, Wasserkraft), desto eher lässt sich hier ein Impact erzielen. Je weiter diversifiziert Konzerne sind, in die wir über Aktien oder Anleihen investieren, desto schwieriger und unschärfer werden Impact-Abschätzungen. Wie man hier ein wachsendes Investmentvolumen in nachhaltige Aktien, Anleihen und Fonds einordnen sollte, blieb auf dem Podium eine offene Frage.
  • Den anderen Gedanken, dass Impact Messbarkeit über KPIs verlange, sollte man schnell verwerfen, so oft er in den letzten Jahren auch prominent vorgetragen wird. Ein junger Vertreter eines bekannten Investmenthauses stellt auf dem Podium fest, dass nur das, was man messen könne, auch gemanagt werden könne, um daraus die Notwendigkeit von Messbarkeit für Impact-Investments zu begründen. Seine Annahme ist empirisch falsch. Das sollte allen eigentlich bekannt sein. Dennoch ist die Verengung auf quantitative Methoden in unserer Branche heute typisch. Ein Bildungsdefizit, auf das auch aus dem Publikum hingewiesen wurde. Gerade Aspekte des Sozialen lassen sich oft nur qualitativ erfassen. Ein ernsthafter Blick in die Methodenlandschaft der Wissenschaft zeigt: (quantitative) Mess- und (qualitative) Beschreibungsverfahren ergänzen einander.

In den abschließenden 1-stündigen „Think Tanks“ ging es um Themen, die Sustainable Finance weiterbringen können. Roland Kölsch (GNG) diskutiert Möglichkeiten der Entwicklung von Standards für nachhaltige Investments. Kristina Jeromin (Deutsche Börse) sucht Handlungsoptionen der Finanzbranche; Ingo Scheulen, Ralf Petit und ich selbst (Ökofinanz 21) erarbeiten mit Teilnehmern Thesen zu den Themen ‚Ansätze nachhaltigen Investierens‘, ‚Rolle von Werten und des eigenen Selbstverständnisses‘ sowie ‚Die Bedeutung von Impact‘.

In der Impact-Gruppe entwickeln Investment-Berater und Investmentmanager drei gezielt pointierte Aussagen. Diese gebe ich hier unkommentiert wieder:

  1. Impact-Investing muss Wirkungen beschreiben, idealerweise quantitativ und
  2. Investoren in Sachwerte oder in kleine Unternehmen mit fokussierten Geschäftsmodellen können Impact gut darstellen; Investments in große Titel aufgrund diversifizierter Geschäftsmodelle können dies in der Regel nur sehr eingeschränkt.
  3. Engagement als ein Impact-Ansatz fokussiert vor allem auf große Unternehmen mit gemischten Geschäftsmodellen, die heute erst in Teilen nachhaltig agieren. Sachinvestments und Investments in kleine Titel bedürfen in der Regel keines Engagements.

Tja, soviel ‚Wie‘ ist in den Köpfen der Praktiker vorhanden – und diese Thesen geben nur einen Ausschnitt der gesamten Diskussion dieser Arbeitsgruppe wieder. Das Wissen um die wirklichen Anforderungen und Schwierigkeiten von Sustainable Finance ist da. Nun müssen Entscheidungsträger daraus noch geeignete Konsequenzen ziehen, um auch Big Capital aus strukturellen und methodischen Verengungen zu führen.

Bochum, 20.04.2018

Dr. Marcel Malmendier

Von | 2018-05-17T10:12:28+00:00 20. April 2018|Allgemein|